[performative Künste und soziale Felder]

© Patricia Hoeppe ‚Performed City’, Performance Press International 2016, S. 128f /erweitert)

feedbackschleife

Die Wirkweise der prozess- und handlungsorientierten Performance-Kunst in das Soziale und Gesellschaftliche hinein erklären der Ethnologe und symbolische Anthropologe Victor Turner und der Theaterregisseur Richard Schechner anhand ihres Diagrammes „social drama – aesthetic drama“ das eine Feedbackschleife darstellt.

Der von ihnen 1967 in New York/ USA als interdisziplinäres Forschungsfeld entwickelte Studiengang „Performance Studies“ bietet performatives Handeln zum Umgang mit gesellschaftlichen Themen an und untersucht seitdem diese Zusammenhänge. Turner fand heraus, dass in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung und Wandels Symbole und ritualhafte Handlungen in Form künstlerischer Darbietungen helfen, Gemeinschaft wieder herzustellen. Insbesondere diene eine gemeinsam durchgestandene Laminalphase zur Herstellung einer neuen gemeinsamen Identität. Dies sei eine Wirkweise von Performance-Kunst zur Setzung des Sozialen.

Richard Schechner stellt die von der Kunst ins Soziale und die vom Sozialen in die Kunst fließende Energie als ästhetisch-dramatische Feedbackschleife dar, die hier auf das Performativ-Soziale angewandt wird und deren Wirkweise gesellschaftlich wie individuell als größere oder kleinere Schleife begriffen werden kann. Gelesen werden kann die Schleife an jedem Punkt begonnen werden; wir beginnen bei der gesellschaftlich sicht- und bewußt wahrnehmbaren sozialen und politischen Handlung (x).  Diese gelangt nach einer Weile der Präsenz in das Unbewusste. Dort wirkt sie fort. Sie wirft Fragen auf und beinhaltet zugleich Lösungsansätze. In ihrer ästhetischen Struktur wohnt das künstlerische Thema inne. Der Performance-Künstler vermag aus aktuellem Anlass, zu dem aus den Tiefen des Unbewussten wieder in das Bewusstsein gelangte Thema, Fragen zu formulieren sowie Lösungsaspekte in Form performativer Setzungen zu entwickeln und auf der Alltagsbühne aufzuführen. Das künstlerisch-performative Ereignis ist von der Gesellschaft bewusst wahrnehmbar – und sinkt nach einer Weile der Präsenz erneut in das gesellschaftlich Unbewusste ab. In der Tiefe wirken performativ- ästhetische Erfahrungen nach. Durch die Tiefe gegangene Erfahrungen bewirken Transformation. Mit der Zeit arbeitet sich das performativ Gesetzte durch verschiedene Ebenen und Schichten wieder in das Bewusstsein empor und fordert eine politische, soziale, gesellschaftliche Re-Aktion ein. Nach einer wirklichkeitskonstituierenden Setzung sinkt es erneut ab. Vielleicht, weil eine entsprechend brisante gesellschaftliche Thematik abermals auftaucht, gelangt es erneut in das Bewusstsein. Wird in diesem sensiblen Moment wieder ein performativer Impuls gesetzt, kann sich das Sozial-Gesellschaftliche fortwährend weiterentwickeln.

Warum Performance-Kunst und Soziales einen so unmittelbaren Zugriff aufeinander haben, könnte u.a. mit dem Phänomen der strukturellen Identität zusammen hängen. Der Gestaltpsychologe Rudolf Arnheim beschreibt sie wie folgt: „So kann z.B. die Stimmung eines Menschen ähnlich der körperlichen Aktivität, dem körperlichen Ausdruck sein, den er zeigt. Die Geste eines Tänzers oder Flattern der Wäsche können die gleichen strukturellen Züge enthalten wie eine Stimmung oder ein inhaltlicher Zusammenhang, den der Betrachter in diesen Bewegungen wiederzuerkennen vermag.“  Performative Handlungen, die sich als künstlerisch-performative Setzungen auf soziale, gesellschaftliche und politische Themen beziehen, eröffnen Möglichkeitsräume, in denen reale soziale und gesellschaftliche Situationen geformt werden können.