[das performative bezugssystem]

© Patricia Hoeppe ‚the walkings, the crossings and the passings’, Vokal-Verlag Leipzig 2010, S. 30ff/ erweitert)

Mit dem „performativem Bezugssystem“ kann das Wesen einer Performance erfasst und ihre Methoden reflektiert werden.  Es nimmt Bezug auf das performative Material, der den Rohstoff für den Performanceprozess stellt. Die „Materialien“, aus denen Performances  bestehen, sind folgende:

[der performative Körper] + [die performative Handlung] + [die performative Raum-Zeit]=
[die performative Situation]

Oft steht ein Aspekt im Vordergrund und bedarf deshalb einer besonderen Aufmerksamkeit. Manchmal (re)agieren mehrere Aspekte gleichberechtigt nebeneinander. Die o.g. drei Aspekte sind Bestandteil und bilden [die performativen Situation].
Die Gewichtung besitzt eine gewisse Eigendynamik und ist nicht allein vom Performance-Künstler sondern ebenso vom Rezipienten und seiner Projektion abhängig. In manchen Fällen besteht eine doppelte ‚Rezeption’. Dies ist der Fall, wenn vor der unmittelbaren Rezeption des Betrachters ein Medium gesetzt wird, z. B. das Medium Video, dann spricht man vom: ‚medialisierten Körper’. Die zweite Rezeption ist die Betrachtung des performativen Videos, welches ja nun bereits eine erste Deutung erfahren hat.

[Der performative Körper]

Als erstes betrachten wir den lebenden, menschlichen Körper. Bei einer Performance geht es in der Regel um zwei Körper: den performativen Körper des Künstlers und den partizipierenden Körper des Betrachters.

Der partizipierende Körper kann der einer Einzelperson sein, sowohl in seiner Individualität und strukturellen gesellschaftlichen Einbindung als auch als ein Repräsentant einer Körperschaft. Letzterer besitzt eine stärkere strukturelle Einbindung, ist also weniger frei in seiner Rezeption als ein individueller Körper. (Beide Formen können jedoch auch parallel nebeneinander existieren). Der partizipierende Körper ist in der Regel das Publikum. Der performative Körper ist der des Künstlers und meistens der aktive.
Vom performativen Körper zu sprechen bedeutet ihn zunächst auf seine konkrete Existenz zu rekruieren. Gelegentlich stellt sie allein das Material zur Performance. Formal betrachtet ist dies der Fall, wenn der Körper z.B. als Malgrund (z.B. beim bodypainting), mit seinen Ausscheidungen, mit Fleisch, Blut, Haaren oder als Projektionsfläche benutzt wird. Wird der performative Körper unter dem Hauptaspekt seiner Materialität eingesetzt, weist er einen Objektcharakter auf – im Sinne des traditionellen Kunstbegriffes.
Betrachten wir nun die physikalischen Kräfte, die sich im Kontakt und der Krafteinwirkung vom und zum physikalischen Körper hin äußern. Der zarteste Kontakt ist die Berührung, des weiteren Druck, Zug und Widerstand. Mit Krafteinwirkung ist die Intensität und Richtung des Kontaktprozesses gemeint. Die Frage nach der ‚conditio humana’ verbindet sich unmittelbar mit der physischen Stofflichkeit und dem Aspekt der physikalischen Kraft. Dies können sein: Leiden und Zerfall, ausgelöste sinnliche Zustände der Lust und Erregung ect., genauso wie Emotionen und Affekte und Aspekt von Energien.

Der performative Körper kann durch den Einsatz von Medien transformiert werden- im Extremfall bis hin zu einen virtuellen Körper. Der performative Körper kann, wie auch der partizipierende, ein repräsentativer sein. Dies schließt in der Regel seine Individualität aus. Er steht in seiner repräsentativen oder auch ideellen Funktion dem präsentierenden oder auch realen Körper gegenüber.

Der öffentliche Körper steht dem privaten gegenüber. So ‚verwandelten’ feministische Künstlerinnen in den 70er Jahren ihren privaten in einen öffentlichen Körper, indem sie ihn in seiner Intimität präsentierten. Wie der performative Körper kann auch der partizipierende Körper ein politischer sein. Der von Abramovic benannte politische Körper (19) bezieht sich nicht nur auf den öffentlichen. Er durchdringt den öffentlichen und den privaten Bereich. Abramovic nennt in diesem Zusammenhang den kommunistischen und den kapitalistischen Körper (20).

[Die performative Handlung]

Performance-Kunst ist charakterisiert durch seinen über einen gewissen Zeitraum erstreckenden Prozess, unvorhersehbar, ephemer. Physisch auf den performativen Körper bezogen äußern sich grob- und feinmotorische Aktivitäten in der Rumpf- und Extremitäten-Bewegungen, eingesetzt als auf ihn zentrierend oder von ihm ausgehend. Auch Körperhaltung und Sprache zählen dazu.

Eine performative Handlung, ausgeführt vom performativen Körper, steht niemals für sich allein; sie steht immer in Bezug zur Raum-Zeit und zur Situation. Sie ist auf ihren Alltagsbezug, Symbolgehalt und archetypischen Ritualgehalt hin zu betrachten. Sie läßt sich unterteilen in präsentative=bevollmächt-igende und repräsentative=stellvertretende Handlung.

Verbindungen verschiedener Körperstellungen bedingen zwangsläufig Übergangsbewegungen. Bezogen auf den performativen Körper sind dies Zustandsveränderungen, bezogen auf die performative Raum-Zeit Zwischenräume und-zustände. Gestische Bewegungen sind unter dem Aspekt des Gerichtet-Seins und der Richtungsbewegung zu betrachten, die Ganzkörperbewegung unter dem Aspekt der Fortbewegung. Eine körperliche Handlung kann aber auch ohne die körperliche Bewegung des Performers stattfinden.

[Die performative Raum- Zeit]

Raum und Zeit sind untrennbar. Raum ereignet sich zeitgleich.

Formal betrachtet meint der performative Raum den Innen- und Außenraum, einen Ort, eine Landschaft, eine Gegend, eine Umgebung. Es kann auch eine Strecke sein, die sich als Zwischenraum zwischen zwei Orten definieren läßt, als Weg, Ebene oder Richtung. In diesem Sinn ist der reale Raum oder der präsentative Raum konkret, nicht hingegen der repräsentative. Zu letzteren gehören der öffentliche Raum und der institutionelle.

Neben dem profanen, dem Alltags-Raum existiert der sakrale Raum. Eine Handlung kann an einen Raum gebunden sein, bzw. durch diesen vorbestimmt sein, z. B.: eine rituelle Handlung im sakralen Raum.

Weiter existieren irreale, virtuelle Räume. Sie können nach Shaw als ‚medialisierte Räume’ bezeichnet werden (21). Der filmische Raum, z.B. ist ein medialisierter.

Eine besondere künstlerische Betrachtung verdient der leere Raum (vgl. Ilja Kabakov’s totale Installation). Er ist synonym für Vieles und schafft eine besondere Konzentration auf den performativen Körper und die performative Handlung.

[Die performative Situation]

Die performative Situation beinhaltet zumeist die Idee, das Konzept. Sie ist der Kontext, wird zumeist aus den drei vorherigen Aspekte gebildet und durch deren Betrachtung verständlich. Sie liefert den Schlüssel zur Kernaussage.

In der performativen Situation kann der partizipierende Körper zu einem performativen werden. Das Publikum kann selbst zum Performer werden. Auch kann der Performer Energien des Publikums nutzen, so nutzt Marina Abramovic den partizipierende Körper des Publikums und überwindet durch seine Energien ihre eigenen Grenzen (22)…